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G'scheite G'schicht #1 2021 - Heil durch die Krise

Gscheite Gschichte #1 2021 Heil durch die Krise

Ein Virus hat innerhalb weniger Monate die ganze Welt aufgerüttelt. Während die Wirtschaft unter den Corona-Maßnahmen leidet, weisen einzelne Projekte der Smart Cities Initiative den Weg in die Zukunft.

März 2020: Die Welt steht still. Ein Smart City-Projekt am Wiener Nordbahnhofgelände befindet sich gerade mitten in der Planungsphase. „Als der erste Lockdown kam, mussten wir sehr schnell von Gruppentreffen auf virtuelle Meetings umsteigen“, erzählt Peter Rippl, Shiatsu-Praktiker und Initiator des OpenHauswirtschaft-Projektes. „Das war eine riesige Umstellung, aber wir geben unser Bestes.“

Die OpenHauswirtschaft soll 200 Menschen einen Platz zum Wohnen und Arbeiten bieten. 50 Prozent der Fläche werden zum Wohnen, 50 Prozent für Kleinunternehmen zur Verfügung stehen. Das Besondere daran: Das Projekt ist als Genossenschaft organisiert, die Mitglieder bringen sich in Form von Arbeitsgruppen in die Planung des Hauses ein. Die zukünftige Praxis des Shiatsu-Praktikers wird Teil des Projekts sein. „Es war nicht leicht, einen kleinen und leistbaren Praxisraum zu finden, also tauchte die Idee auf, gemeinsam mit anderen etwas aufzubauen.“ Rippl ist überzeugt davon, dass Leben und Arbeiten in der Gemeinschaft ein zukunftsträchtiges Modell ist.

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Für ein Projekt wie die OpenHauswirtschaft, das auf gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen basiert, ist die Corona-Krise eine gewaltige Herausforderung. „Die zivilgesellschaftlichen Akteure stehen hier im Zentrum, virtuelle Meetings sind ein schwacher Ersatz“, meint Projektleiter Christian Peer vom future lab an der TU Wien. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft wachse bei immer mehr Menschen. „Andererseits gewöhnen wir uns das Gemeinsame auch gerade ab.“

In der Tradition des sozialen Wohnungsbaus werden umfangreiche Gemeinschaftsflächen und geteilte Infrastruktur geschaffen; geplant sind Arbeitsräume und flexible Coworking-Flächen. Dazu kommen Gemeinschaftsräume wie Küche, Kinderspielräume, Veranstaltungssaal sowie eine große Lobby. Corona hat den Trend zu flexiblen Jobs und Homeoffice verstärkt. „Auch das Bewusstsein dafür, was Arbeit im weitesten Sinn bedeutet, ist gewachsen: „Erziehung oder Pflege zuhause bedeutet ebenfalls – unbezahlte – Arbeit“, so Peer.

Online in die Zukunft

Der Digitalisierungsschub, den die Corona-Pandemie mit sich brachte – in vielen Bereichen werden persönliche Treffen durch Online-Konferenzen oder Zoom-Calls ersetzt – sieht der Sozialwissenschaftler Peer nicht nur positiv: „Für Viele ist es oft schwierig, hier mitzuhalten. Bei diesem Tempo der Veränderung besteht zudem die Gefahr, dass sich gesellschaftliche Ungleichheiten in kurzer Zeit noch weiter vertiefen - das zeigt sich etwa in der Bildung."

In der allgemeinen Nachhaltigkeitsdebatte wird die Digitalisierung grob vernachlässigt, davon ist Nachhaltigkeitsforscher Fred Luks überzeugt. „In der Beschreibung der Globalen Nachhaltigkeitsziele, den Sustainable Development Goals, kommt der Begriff Digitalisierung auf über 30 Seiten ein einziges Mal vor.“

Profiteure des Online-Booms sind große Handelskonzerne wie Amazon oder Alibaba, sie zählen zu den Gewinnern der Krise. Amazon steigerte seinen Umsatz innerhalb weniger Monate um mehr als ein Drittel. Die Kritik an diesen Konzernen wächst: Steuern werden durch gesetzliche Schlupflöcher weitestgehend eingespart, die Arbeitsbedingungen in der Produktion sowie in der Verteilung sind oft prekär. Dazu kommt, dass es bei der Zustellung bislang exklusive Schließfächer für große Paketdienstleister gibt, Konkurrenzunternehmen wird der Zugriff verweigert. Das Smart City-Projekt alBOX möchte das ändern und bietet Schließfächer an, in denen Pakete unabhängig von den Dienstleistern abgegeben werden können. Dadurch fallen zusätzliche Wege weg und CO2-Emissionen werden reduziert.

Dass der Zuwachs im Online-Handel für den stationären österreichischen Handel seit Monaten eine Bedrohung darstellt, ist eine Tatsache – denn vor allem kleine regionale Händler sind oft nicht online vertreten. „Man kann nicht bestreiten, dass etwa Amazon einen sehr hohen Servicelevel hat, mit dem andere Anbieter bisher nicht mithalten können“, erklärt Fred Luks. „Die Nachteile sind jedoch bekannt. Und dass die Nationalstaaten angesichts der wachsenden Marktmacht der großen Player wie Amazon, Facebook oder Google versagen, ist inakzeptabel.“

Wirtschaftssystem unter der Lupe

Corona wirkt wie ein Brennglas für Schwachstellen unseres Wirtschaftssystems und zeigt auf, wo Veränderungen notwendig sind: Der Engpass bei der Erntehilfe vor dem Sommer, Pflegekräfte, die aus anderen Ländern geholt werden mussten, unzumutbare Arbeitsbedingungen auf Schlachthöfen – all diese Beispiele zeigen, was in unserer Wirtschaft schiefläuft.

Auch die Nachteile der globalisierten Warenströme wurden deutlich: „Am Beispiel von fehlenden Medikamenten aus China wurde im Frühjahr klar, dass man bei lebenswichtigen Gütern nicht auf eine Fabrik oder ein einzelnes Land angewiesen sein darf“, betont Luks. Zugleich rückte die Bedeutung von systemrelevanten Berufen wie Krankenhauspersonal oder VerkäuferInnen – und deren oft niedrige Gehälter – in den Vordergrund. „Viele ManagerInnen sind nun ins Grübeln gekommen und fragen sich, was machen wir da eigentlich?“, so Luks weiter. „Das Gefühl, dass es so nicht weiter gehen kann, wird stärker, auch bei Menschen, denen Nachhaltigkeit bisher wenig bedeutet hat.“

Ein Fahrrad namens Alex

Zugleich vollziehen sich Transformationsprozesse, die sonst Jahre oder Jahrzehnte dauern, nun in wenigen Wochen und Monaten. Das betrifft auch die Mobilität: Das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Verschiebung hin zu alternativen Modellen ist bereits in den vergangenen Jahren gewachsen, in Österreich ist der Verkehr nach wie vor der mit Abstand größte Verursacher von CO2-Emissionen. Sharing-Modelle erfreuen sich wachsenden Zuspruchs, Corona dürfte diesen Trend sogar verstärken.

Das Smart City-Projekt KlimaEntLaster bietet die Möglichkeit, E-Transporträder kostenlos zu testen: In den Städten Mattersburg, Amstetten und Freistadt können Interessierte ein Transportrad ausleihen. Ein sogenannter „Radlgeber“ ist der Blumenhändler Oliver Habersohn aus Amstetten: Für den Zeitraum des Projektes beherbergt er das Rad namens „Alex“, das er gegen eine Kaution von 50 Euro an Interessierte verleiht. Die Nutzung selbst ist kostenlos:  „In der Stadt ist das Transportrad unschlagbar“, meint Habersohn, „es ist schneller und billiger als mit dem Auto, ich zahle keine Parkgebühren – und das Klima wird geschont!“ Bei Kindern ist Alex besonders beliebt, sie lassen sich gerne von ihren Eltern durch die Stadt kutschieren. „Allerdings nur zur warmen Jahreszeit“, lacht der Blumenhändler. Auch seine Blumen vertragen die Kälte nicht so gut.

Radfahren boomt

Claudia Leichtfried, Projektleiterin von KlimaEntLaster, beobachtet ein gestiegenes Interesse an Fahrrädern im Allgemeinen: „Die Corona-Krise und die damit in Verbindung stehenden Bedürfnisse an individueller Mobilität und an Bewegung im Freien haben generell zu einem Fahrradboom geführt“, meint Leichtfried.“ In Wien wurden innerhalb eines Monats um 20 Prozent mehr RadfahrerInnen gezählt als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. „Durch diesen Boom in Verbindung mit Ankaufsförderungen ist auch das Interesse an Transporträdern gestiegen.“ Der Elektroantrieb ist besonders bei schweren Lasten sowie für ältere Personen ein Vorteil.

Durch Corona scheint auch bei PolitikerInnen das Bewusstsein für sichere Fahrradinfrastruktur gestiegen zu sein: Pop-Up-Radwege oder Tempobeschränkungen für den Autoverkehr werden europaweit vermehrt umgesetzt. Die Europäische Union hat bereits vor der Pandemie erste Schritte gesetzt, um den Radverkehr dem Autoverkehr gleichzustellen – durch die Krisensituation wurde der Prozess jetzt beschleunigt. Der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, bestätigte, dass mit den Mitteln für einen Post-Corona Krisenfonds auch Maßnahmen für den Radverkehr gefördert werden sollen. (Quelle: European Cycling Federation)

E-Mobilität im Aufwind

Ebenfalls auf E-Mobilität setzt das Smart City-Projekt ShareMob in Wien. Das Besondere daran: In Form von digitalen Tokens können NutzerInnen sich an einer E-Carsharing-Flotte beteiligen und an den Fahrtumsätzen mitverdienen. „Das Mindestinvestment sind 250 Token, ein Euro pro Token“, erklärt Projektleiter Nico Prugger von der Caroo Mobility GmbH. „Die Rendite beträgt sieben bis acht Prozent.“ ShareMob ist das erste derartige Projekt weltweit und kann auf jede Gemeinde übertragen werden.

Gerade in Städten wächst das Bedürfnis nach einem nachhaltigeren Lebensstil, auch in Form von Mobilität. „Städte haben ein großes ökologisches Potenzial“, ist Fred Luks überzeugt. „Die Verkehrsinfrastruktur ist meist gut ausgebaut, die Menschen brauchen aufgrund von mehrstöckigen Wohnhäusern weniger Fläche als LandbewohnerInnen.“ In Wien ist die Zahl der Nutzenden von öffentlichen Verkehrsmitteln in den letzten Jahren stetig gestiegen und die Zahl der AutobesitzerInnen gesunken. Der Trend, sich ein Auto für Transporte oder Ausflüge auszuleihen, ist eindeutig. „Sharingmodelle wie Carsharing lassen sich derzeit noch leichter urban organisieren“, relativiert Fred Luks. Gerade in ländlichen Gebieten, wo auch öffentliche Verkehrsmittel oft noch zu wünschen übriglassen, wären Sharingmodelle eine Bereicherung.

Ausblicke für die Zukunft

Corona wird uns wohl noch über einen längeren Zeitraum beschäftigen, wie die Entwicklung der nächsten Jahre aussieht, ist ungewiss. Ein Schlagwort, das nun vermehrt auftaucht, ist Resilienz. „Man muss diesen Begriff auch im Zusammenhang von Globalisierung und internationaler Handelsbeziehungen sehen“, betont Luks. „Viele Wirtschaftstreibende merken nun, dass ihre Art zu wirtschaften nicht nur nicht nachhaltig ist, sondern auch nicht resilient.“

Der Nachhaltigkeitsforscher blickt trotz allem zuversichtlich in die Zukunft: „Vor Corona ist bereits viel passiert – Fridays for Future oder der Green Deal zeigen, dass es in die richtige Richtung geht.“ Seine hoffnungsvolle Prognose lautet: „2021 kann ein guter Start in das Jahrzehnt der Nachhaltigkeit werden.“

 

Autorin: Susanne Wolf

 
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